Interviewreihe "Inklusion im Sport - Verein(t) für Alle"

Interview mit "Rastatter SC/DJK e.V."

Interview mit Petra Möller vom Rastatter SC/DJK e.V., 25. Februar 2021

Seit 2009 ist Petra Möller bei der Rollstuhlsport-Gruppe dabei und hat im Laufe der Zeit die Übungsleiter-Funktion übernommen. Im Interview berichtet sie über die Entstehung der Gruppe, welche verschiedenen Aktivitäten unternommen werden und was den Sport mit der Gruppe auszeichnet.

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Ihr Verein, der SC/DJK Rastatt, hat neben der Sportart Fußball ein große Breitensport-Abteilung mit verschiedenen Angeboten. Darunter auch Sportangebote für „Menschen mit Handicap: Fußball, Walking und die Rollstuhl-Gruppe“. Sie sind Übungsleiterin der „Rolli-Bande“. Seit wie vielen Jahren gibt es das Angebot und wie kam es dazu?

Die Rollstuhl-Gruppe wurde ursprünglich von einer Rollstuhlfahrerin ins Leben gerufen, die leider verstorben ist! Hans-Georg Willared, derzeit unser Vereinsvorstand, sprach mich im Mai 2009 an, ob ich nicht Lust hätte in der Rollstuhl-Gruppe mitzuhelfen. Ehrenamtlich war ich damals bei verschiedenen Aktionen aktiv. Ich musste nicht lange überlegen und war gleich beim nächsten Training mit dabei. Seither hat mich nicht nur die Leidenschaft am Rollstuhl-Training gepackt, sondern auch die Liebe zu all den wunderbaren Menschen, die an dem wöchentlichen Sport teilnehmen. So vergingen einige Jahre, bis ich 2013/14 die Ausbildung "Rehabilitationssport - Neurologie - Rollstuhlsport" absolvierte.

2016 öffnete ich die Rollstuhl-Gruppe für "ALLE"! Wir hatten zuvor schon Malte, einen sehr lebhaften Jungen mit geistiger Behinderung mit dabei, der unser Team mit so viel Freude und Spaß am Sport "aufwirbelte". Wir freuten uns unheimlich über den "Rollstuhlsport für ALLE“, der dann mehr Zuwachs bekam.  

Welche Altersklassen sind in den Gruppen derzeit vertreten, wer kann teilnehmen und wie oft trainieren Sie in der Woche (sofern der Trainingsbetrieb stattfindet)?

Meine derzeit 16 Teilnehmer umfassende Rollstuhl-Sportgruppe trainiert immer freitags von 17.30 - 19.00 Uhr in Rastatt. Sie setzt sich aus sehr unterschiedlichen Behinderungen, Altersklassen (9-70 Jahre) und individuellen Vorstellungen an den Sport zusammen. Aber auch ich bzw. wir kämpfen mittlerweile um Neuzugänge. Fahrdienste, die benötigt werden oder leider auch die persönliche Einstellung zum Sport erschweren den Teilnehmerzuwachs.  

Was wird in der Rolli-Gruppe genau angeboten? Welchen Aktivitäten gehen die Teilnehmer nach?

Das Bestreben unserer heterogenen Gruppe ist es, immer auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, sodass alle miteinander - vom Jüngsten bis zum Ältesten - viel Freude und Spaß beim Sport haben. Mit kleinen Fang- und Fahrtspielen, Gymnastik mit Softbällen, Thera-Bändern, kleinen Gewichten oder Stäben finden wir für jeden - auch mit Hilfe der Trainingsbegleiter - eine gute Mischung. Zirkeltraining, Staffelfahrten, große Ballspiele, Rollstuhl-Fahrtechniken, usw. - all das sind feste Bestandteile. Tischtennis, Federball, Rolli-Hockey, Dart und andere Spiele kommen je nach Gruppengröße auch zum Einsatz.

Auch über die Trainingseinheit hinaus sind wir in der Freizeit aktiv. „Geht nicht?? - Gibt's nicht!!“ Wir probieren gerne selbst aus. Vom Hundeschlitten fahren, mit dem Rolli auf dem Eis über Bowling, Boule und Billiard spielen bis hin zum Klettern. Wir haben auch ein eigenes "Spiel ohne Grenzen" für die Bevölkerung organisiert und machen neben dem Sport diverse andere Aktivitäten. So wächst jeder in eine wundervolle "Familie" mit rein. Glücksmomente, die jeder Einzelne für sich findet, egal auf welcher Ebene!

Was ermutigt Sie, was treibt Sie an, sich für eine gleichberechtigte Teilhabe und einen Zugang zum Sport für Menschen mit Behinderung einzusetzen?

Ermutigt werde ich schon vor Beginn der Trainingseinheiten. Jeder kommt lächelnd mit guter Laune in die Halle. Das macht mich glücklich eine so tolle "Rolli-Bande“ leiten zu dürfen. Jeder hilft jedem - Eltern, die während des Trainings die Gruppe unterstützen, sich auch in die Rollis setzten und mitmachen und beim Auf- und Abbau von Geräten helfen. Wir lernen immer wieder, dass man Barrieren umgehen und umfahren kann. Mit kleinen Alternativen und Hilfestellungen. Das stärkt unsere Sportgruppe ungemein. Es ist immer wieder eine große Herausforderung neue Reize, Impulse, neue Spiele oder ganz andere Ansätze zu finden, um jedem gerecht zu werden. Aber ALLE sind ganz selbstverständlich dabei, ganz NORMAL!! Wenn das nicht ans Herz geht?!

Wir bieten im Rahmen unseres Projekts „Inklusionsoffensive in die Sportvereine“ derzeit Sportvereinen an, an einem virtuellen Sporthock (Online-Vortrag) mit dem Thema „Sport für Alle – Chancen und Perspektiven“ teilzunehmen, um mehr über inklusive Sportvereinsarbeit zu erfahren. Was würden Sie sagen: Worin stecken Ihrer Meinung nach Chancen und Perspektiven für Sportvereine, wenn Sie Menschen mit Behinderung in Ihren Verein integrieren?

Ich denke, dass jede/r Trainer/in das Sportangebot vom Inhalt so verändern kann, dass es immer eine Alternative für jeden einzelnen gibt. Auch trotz den Gegebenheiten der Hallen. Somit lernt jeder von jedem. Achtsamkeit und Fürsorge, den Respekt für Menschen mit und ohne Behinderung, die Selbstverständlichkeit, dass wir "ALLE" miteinander, Hand in Hand, etwas ins Rollen bringen können. Die emotionale und soziale Entwicklung solch einer Gruppe ist stets im Förder-Lernprozess: während des Spiels und dem Spaß beim Sport!

Was würden Sie anderen Vereinen, die sich dem Thema annehmen möchte, empfehlen?

Wer sich als Verein zur Inklusion im Sport öffnen möchte, sollte sich in den Vereinen, die schon Erfahrungen haben, mal eine Trainingsstunde anschauen, miterleben oder Gespräche führen und sehen, wie schön es sein kann!

                       

Interview mit "In Nae e.V. – Frauenselbstverteidigung und Kampfkunst"

Interview mit Regina Speulta und Charlene Karwacki vom 15. Januar 2021

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Regina, als erste Frauenkampfkunstschule in Baden-Württemberg hat sich euer Verein stetig weiterentwickelt und bietet neben Frauenselbstverteidigungs-Kursen auch diverse Kampfkünste an. Wofür steht der Name „In Nae“ und was möchtet ihr damit ausdrücken?

Antwort:  Ja, das ist immer eine spannende Frage. „In Nae“ ist koreanisch und bedeutet Geduld. Was wir ausdrücken wollten ist: Bringt Geduld mit, um das zu üben, was ihr lernen wollt. Kampfkunst hat nichts mit „hau-mal-drauf“ zu tun. Kampfkunst bedeutet sich in Körperbeherrschung zu schulen und schulen zu lassen. Sich Bewegungsmuster anzueignen, die in bedrohlichen Situationen ohne Weiteres abrufbar sind. Die Philosophie der entsprechenden Kampfkunst, die ethische Anforderungen an dem Thema Kampf ist die Grundlage einen gesunden Lebensweg gehen zu können. Dafür brauchen wir GEDULD - ein Leben lang.

In den vergangenen Jahren habt ihr eure Arbeit im Bereich des Gesundheits- und Rehasports, aber auch im Bereich der Inklusion ausgebaut. Unter anderem gibt es eine Taekwondo-Sportgruppe für Frauen und Mädchen mit kognitiver Einschränkung und geistiger Behinderung. Was hat euch dazu bewegt, für die Zielgruppe ein Angebot zu öffnen?

Antwort: Uns hat damals die Gruppe bewegt, die 2004 zu uns gekommen ist. Wir bekamen von der Lebenshilfe eine Anfrage für einen Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurs für junge Frauen – seitdem haben wir eine Gruppe acht junger Frauen im Taekwondo. Sie wollten einfach immer weiter trainieren, weil sie sich stärken wollten, weil sie sich bewegen und Woche für Woche treffen wollten. Menschen mit Behinderung sind täglich unangenehmen, grenzverletzenden bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. Frauen und Mädchen mit kognitiver Einschränkung zu stärken haben wir uns zur Aufgabe gemacht. Es hat uns viel Spaß gemacht, den Frauen einen Raum zu bieten, wo sie die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren und Sicherheit erfahren können.

Wie wird es angenommen, wie viele Teilnehmerinnen sind aktuell dabei?

Antwort: Aktuell sind es acht Frauen, die von einer jungen Trainerin trainiert werden. Wir hatten auch schon zwölf Teilnehmerinnen – dann waren wir mit zwei Trainerinnen in der Gruppe. Wir würden uns freuen, wenn die Gruppe wieder wachsen würde. Charlene ist als Teilnehmerin und ab sofort auch als Co-Trainerin mit dabei und wird uns ganz arg helfen.

Charlene, erzähle uns kurz, warum du Kampfsport machst und seit wann du dabei bist?

Antwort: Kampfsport mache ich, weil ich lernen wollte, wie man sich behauptet und wie man sich wehren kann. Außerdem war es mir wichtig, Woche für Woche Sport zu machen und mich mit den anderen zu treffen. Und ich habe sehr viel Spaß daran. Dabei bin ich seit Juli 2008.

Du hast im letzten Jahr an der BBS-Ausbildung für Menschen mit geistiger Behinderung zur Co-Trainerin teilgenommen und die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Was hast du in der Ausbildung gelernt?

Antwort: Gelernt habe ich, wie man etwas anleitet und wie man seine Ideen, die man hat, umsetzt. Und wenn man etwa anleitet, muss man es der Gruppe laut und deutlich erklären. Ich kann andere Teilnehmerinnen in der Gruppe unterstützen und darf die Übungen und Spiele anleiten.

Du bist jetzt Co-Trainerin im Verein. Welche Aufgaben hast du in der Sportgruppe?

Antwort: Der Trainerin zu assistieren. Wir haben eine Teilnehmerin, die besonders Hilfe braucht. Die möchte ich unterstützen.

Regina, du hast Charlene bisher trainiert und sie zu der Ausbildung ermutigt und begleitet. Jetzt steht Sie als Co-Trainerin an deiner Seite. Was bedeutet es für dich und wie sind die ersten Erfahrungen?

Antwort: Ich habe Charlene ermutigt, weil Charlene immer sehr konzentriert und mit viel Spaß, Energie und Engagement hier ist. Charlene ist einfach klasse, sehr überlegt und möchte sich gerne bewegen. Ich habe mir gedacht, dass sie Spaß daran haben könnte, uns zu unterstützen. Wir haben in der Zeit von Corona leider erst einmal trainieren können, aber Charlene macht es hervorragend.

Sie hilft einer anderen Teilnehmerin die gestellten sportlichen Aufgaben zu bewältigen. So kann ich den Fokus stärker auf die Gruppe anstatt auf eine einzelne Teilnehmerin legen. Charlene leitet gerne eine Übung am Anfang oder am Ende an. Und gleichzeitig ist es auch eine schöne Erfahrung für die anderen Frauen.

Interview mit "Heart Racer e.V." in Kooperation mit dem "SV Nikar Heidelberg e.V."

Interview mit Katja Schumacher, Initiatorin des Schwimmprojekts von Heart Racer e.V. vom 04. November 2020

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Sie haben 2019 in Kooperation mit dem SV Nikar Heidelberg e.V. ein Schwimmprojekt ins Leben gerufen, das sich an Kinder und Jugendliche mit körperlicher Behinderung richtet. Was hat Sie dazu motiviert? Wie kam es zu der Projektidee?

Antwort: Der Verein SV Nikar Heidelberg e.V. hat früher bereits versucht Kinder und Jugendliche mit Behinderung in die Kurse und Schwimmangebote zu integrieren. Es stellte sich aber als etwas schwierig heraus, da die Anforderungen an die Trainer oft andere sind und ein viel individuelleres Arbeiten mit den Sportlern notwendig ist. Als Heart Racer e.V. dann eine Kooperation vorgeschlagen hat, war das eine gute Lösung für beide Vereine.

Worauf zielt das Projekt ab?

Antwort: Wir möchten Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ermöglichen Sport zu treiben und Inklusion in den Vereinen fördern.

Welche positiven Entwicklungen können Sie feststellen und was stellt Sie vor Herausforderungen?

Antwort: Einzelne Kinder und Jugendliche haben sehr von dem Projekt profitiert, sie haben sich körperlich weiterentwickelt und durch den Sport ihr Selbstbild verbessern können. Das hat unter anderem auch zu besseren Leistungen in der Schule geführt. Und es ist für die anderen Schwimmer normal geworden, dass auch Rollstuhlfahrer schwimmen und Sport treiben können.

Es ist schwierig für uns das Projekt bekannter zu machen und neue Teilnehmer zu finden. Da das Training nur 1-2x pro Woche stattfindet, können nicht immer alle kommen, da es terminlich mit Schule oder Beruf nicht passt oder keine Fahrtmöglichkeiten vorhanden sind.

Wie versuchen Sie, auf das Projekt aufmerksam zu machen und die Zielgruppe anzusprechen?

Antwort: Hauptsächlich nutzen wir unsere Webseiten und Facebook, den Inklusionsatlas der Stadt Heidelberg und manchmal auch Flyer.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand Interesse hat, am Sportangebot teilzunehmen?

Antwort: Interessierte können sich telefonisch oder per E-Mail bei uns melden und dann zum Test-Training vorbeischauen. Wenn sie sich entscheiden dabei zu bleiben, müssen sie Mitglied beim Verein SV Nikar Heidelberg e.V. werden. Heart Racer e.V. stellt die Trainer und finanziert sich ausschließlich über Spenden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für das Projekt und Ihren Verein?

Antwort: Wir würden uns für die Kinder und Jugendlichen wünschen, dass es Möglichkeiten gibt an Wettkämpfen teilzunehmen. Für das Projekt und die Vereine wünschen wir uns etwas mehr Aufmerksamkeit.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Seite von Heart Racer e.V. > Schwimmprojekt oder auf der Homepage des SV Nikar Heidelberg e.V. > Heart Racer Projekt

 

Interview mit dem "Judo-Club Elchesheim-Illingen e.V."

Interview mit Roland Stolz, 1. Vorsitzender des Judo-Club Elchesheim-Illingen e.V. vom 30. September 2020

Mit unermüdlichem Engagement setzen sich die Mitglieder in Ihrem Verein seit über 20 Jahren dafür ein, Menschen mit Behinderung in den Judosport und das aktive Vereinsleben zu integrieren. Angefangen hat es bereits 1997 als Sie einen 13-jährigen Jungen mit Down-Syndrom im Training aufgenommen haben. Mittlerweile nehmen Menschen mit verschiedensten Behinderungen am Training teil. Können Sie uns kurz erzählen, welche Behinderungsarten vertreten sind?

Antwort: Eigentlich sehen wir unsere Sportler*innen nicht mit ihren Behinderungsarten, sondern nach den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Dennoch möchte ich versuchen die Frage fachlich gut zu beantworten: Unsere Teilnehmer haben alle eine Intelligenzminderung, wobei die Spannweite von einer leichten bis zur schweren Intelligenzminderung reicht. Ungeachtet auf die Ursache der Behinderung, bringen viele unserer Teilnehmer eine Mehrfachbehinderung in Form von Bewegungseinschränkungen mit, die aus der Gruppe der Cerebralparese oder dem Adipösen stammt. Als große Einbindungsleistung sehen wir unseren Alexander, der trotz seiner Paraplegie am Training teilnehmen kann.

Wie schaffen Sie es, die Sportart Judo auf die verschiedenen Behinderungen anzuwenden bzw. zielgerichtet zu trainieren? (Gibt es beispielsweise ausgebildete Übungsleiter oder suchen Sie sich Info- oder Trainingsmaterial zusammen, wie Sie das Training aufbauen können?)

Antwort: Judo ist sehr vielseitig und hat für unsere Leute zusätzlich den Vorteil, dass alles auf einer Matte stattfindet, wo die Angst der Verletzung genommen ist. Judo bietet ein vielseitiges Angebot an Stand- und Bodentechniken. Durch Übungen zum Fallen, Werfen und Halten ist die Sportart von sich aus so vielseitig strukturiert, dass eine differenzierte motorische Entwicklung beim Judosportler erwartet werden kann. Methodisch tritt das Lernen im Spiel, durch Spiel und auf spielerische Weise in den Vordergrund. Techniken wie Hebeln, Würgen und verschiedene Würfe werden im Reha-Sport nicht gelehrt.

Auch wenn ich selbst diese Trainerlizenz innehabe, kommen die meisten Ideen für die Trainingsgestaltung größtenteils aus dem Internet. Da diese aber überwiegend auf den allgemeinen Breitensport zugeschnitten sind, verändern wir die Regeln soweit, bis diese für unsere Sportler*innen mit den multiplen Einschränkungen passen. So ist es auch mit den Programmen als Vorgabe für Gürtelprüfungen. Obwohl wir im Judo eine spezielle Prüfungsordnung für Menschen mit Behinderung haben, die sich sogar nochmal in „gehfähig“ und „nicht gehfähig“ unterscheiden, nehmen wir bei der Prüfungsabnahme Rücksicht auf die physischen und kognitiven Möglichkeiten, auch hier passen wir die Regeln an den betroffenen Menschen an. Dass unser Konzept erfolgreich ist zeigen auch die vielen Erfolge auf nationaler und internationaler Ebene. In den vielen Jahren der Zusammenarbeit haben wir schon mit ca. 16 Nationen zusammen trainiert, gekämpft und gefeiert.

Ihrer Homepage zu entnehmen, trainiert die Handicap-Gruppe einmal wöchentlich. Nehmen die Sportler mit einer Behinderung auch an anderen Trainingseinheiten gemeinsam mit Menschen ohne eine Behinderung teil? Oder bezieht sich das Angebot für Menschen mit Behinderung nur auf die Handicap-Gruppe?

Antwort: In den Anfangszeiten hatten in der Tat unsere Judokas mit Handicap in den allgemeinen Judogruppen mittrainiert, das konnte auch gut gesteuert werden. Mit dem zahlenmäßigen Anstieg von Sportlern*innen mit Handicap war das Leistungsgefälle so stark, dass wir eine neue angepasste Gruppe gründen mussten. Auch wenn wir diese intern als Handicap-Gruppe bezeichnen, ist sie doch eine den Leistungen angepasste Breitensportgruppe. Es ist noch zu erwähnen, dass auch in dieser Gruppe Menschen mit Berufsausbildung und Führerschein trainieren.

Veranstaltungen wie Vereinsausflüge, Grillnachmittage, Helferfeste werden nur gemeinsam durchgeführt. Selbst beim Dorffest stehen unsere Leute mit am Grill oder am Zapfhahn. Auch bei den Arbeitseinsätzen im oder ums Vereinsheim mit Sporthalle, mit anschließendem gemeinsamen Vesper sind wir zusammen.

Sie haben 2016 ein verwaistes Schützenhaus übernommen und in den vergangenen Jahren daraus eine bewusst barrierefreie Sportanlage mit behindertengerechten Sanitäranlagen daraus gemacht. Mit der Förderung von privater und geschäftlicher Bevölkerung sowie der Unterstützung von Aktion Mensch und Toto Lotto! ist es Ihnen gelungen das Projekt zu finanzieren. Was treibt Sie an, was motiviert Sie, solche Projekte anzugehen und sich für eine gleichberechtigte Teilhabe am Sport einzusetzen?

Antwort:  Im Jahr 1997 war ich Initiator der Vereinsgründung und hatte immer motivierte Wegbegleiter. Mein Verein war immer meine Werkstatt für kreativen Beitrag. Weil wir ein kleiner Verein sind, können große Planungen innerhalb kurzer Zeit umgesetzt werden. Zum Beispiel waren wir sechsmal im Ausland, von Malmö bis runter nach Ravenna, waren auch in München, Berlin und Herne etc., es wurde über uns gesprochen, wir haben uns großen Respekt erworben. Seit 2006 werden unsere Sportler*innen mit Handicap ununterbrochen zur Sportlerehrung der Gemeinde eingeladen, weshalb meine Gemeinde von der Lebenshilfe ausgezeichnet wurde. Ich vermute, dass der Spaß an der Arbeit, der auch große Erfolge und Anerkennung hervorbringt mit antreibt und motiviert, zumal ich für diese Arbeit schon in die Landesvertretung nach Brüssel, sowie zweimal ins neue Schloss nach Stuttgart geladen wurde. Auch die Nominierung zum europäischen Bürgerpreis 2019 können wir vorweisen.

Es sind aber auch hervorragende Plattformen entstanden, wo sich Menschen mit und ohne Behinderung treffen. Zum einen Plattformen, bei denen auf die Leistungen von Menschen mit Behinderung aufmerksam gemacht werden kann und zum anderen ist z.B. unsere offene Baden-Württembergische Landesmeisterschaft zu nennen, wo wir von prominenten Persönlichkeiten unterstützt wurden: Landesminister Dr. Erwin Vetter, Dr. Thomas Schäuble, Landesbischof Dr. Ulrich Fischer, Reg. Präsidentin Nicolette Kressl und vielen weiteren aus Politik, Industrie und Forschung. Auch die jetzige Regierungspräsidentin Frau Sylvia Felder verfolgt unser Wirken schon viele Jahre und hat für unser Anliegen immer ein offenes Ohr.

Sie blicken nun auf viele erfolgreiche Jahre inklusive Sportvereinsarbeit zurück. Haben Sie einen Tipp für andere Vereine wie das langfristig gelingen kann?

Antwort: Eine sehr komplexe Frage, die sicherlich nicht einfach zu beantworten ist. Ich würde diese Frage aber gerne etwas drehen und diese aus Sicht der Menschen mit Behinderung stellen. Wenn ich gedanklich durch die mir bekannten Wohnheime und Werkstätten gehe, sehe ich viele körperlich fitte Menschen, die können gehen, laufen, sind abgesehen von einer geistigen Minderung vital. Diese Gruppe hat aber doch die kleinere Schnittmenge im Vergleich zur ganzen Werkstatt- Wohnheimbelegung. Über diese Menschen brauchen wir uns keine Gedanken machen, die sind größtenteils irgendwo, sicher sogar, mehrfach angebunden. Als Beispiele können auch Feuerwehren, Ballsportvereine etc. genannt werden. Aber wo gehen die Menschen hin, die ich für uns in der 1. Frage schon beantwortet habe? Wo bleiben die gehbehinderten, humpelnden, langsamen, krummen Menschen mit Fehlwuchs und Sprachstörungen? Wo bleiben die Menschen, die sehr oft nicht über das Erlernen von speziellen Eigenschaften der Vereine ankommen, sondern nur das regelmäßige Zusammengehörigkeitsgefühl genießen?

Die Vereinsaufnahme und das gesellschaftliche Zusammensein von Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung werden immer mit Mehraufwand verbunden sein, den muss man wollen und können. Aber es findet auch zeitgleich ein Treffen mit zufriedenen, dankbaren Menschen statt, die in der Tat mit Talenten des ehrlichen Gebens ausgestattet sind. Ein Lachen, eine Umarmung als Beitrag der zwischenmenschlichen Anerkennung, ist natürlich durch nichts zu ersetzen. Vereine die sich diesem öffnen, werden einen neuen, auch entschleunigten Blick auf Gleichsinn erhalten, der auch im privaten Leben bereichert. Ich bin der Überzeugung, dass in jedem Verein Platz für einen Menschen mit Behinderung gefunden werden kann. Eine gewisse Gelassenheit im Anspruch ans Leben, könnte einem langfristigem Gelingen der Inklusion dienen, oder wie es der Lyriker Erich Fried in seinem Gedicht auf den Punkt bringt: Es ist was es ist.

Interview mit "Ring der Körperbehinderten Freiburg e.V. "

Interview mit Alexander Butz, Rollstuhlrugbyspieler der "Freiburg Dragons" vom 21. August 2020

Der Ring der Körperbehinderten Freiburg e.V. verfügt über ein vielseitiges Angebot, das sich „für die Interessen von Menschen mit einer körperlichen Behinderung und den Abbau von Barrieren“ einsetzt (s. www.ring-freiburg.de/). Dazu gehören verschiedene Freizeit- und Gruppenangebote sowie eine Vielzahl an (Behinderten-)Sportarten. Wir haben mit Alexander Butz, Rollstuhlrugbyspieler bei den "Freiburg Dragons", über die Sportangebote beim Ring der Köperbehinderten e.V. gesprochen.

Frage: Welche Sportangebote habt Ihr und wer kann daran teilnehmen? Sind die Angebote auch für Menschen ohne eine Behinderung zugänglich?

Antwort: An den Sportangeboten können Menschen mit und ohne Behinderung teilnehmen. Unser Verein bietet folgende Sportangebote an:

  • Rollstuhlbasketball (Breisgau Baskets): In dieser Sportart dürfen auch Fußgänger mit körperlichen Einschränkungen z.B. Knieprobleme mitmachen.
  • Rollstuhlrugby (Freiburg Dragons): Fußgänger dürfen am Training teilnehmen, aber im Ligabetrieb nicht mitspielen. Das liegt daran, dass diese Sportart speziell für Menschen mit mindestens drei Einschränkung der Gliedmaßen geschaffen wurde. Meist sind es Querschnittsgelähmte (Tetraplegiker) mit einer Halswirbelschädigung.
  • Kinderrollstuhlsportgruppe: Das ist eine Gruppe für Kinder und Jugendliche, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. In diesem Bereich trainieren meistens die Geschwisterkinder sowie die Eltern mit. Betroffene Eltern können während der Einheit die Elterngruppe besuchen, um sich untereinander auszutauschen und neue Informationen der Gruppenleiterin einzuholen.
  • Tischtennis: Bei diesem Angebot haben wir eine gemischte Gruppe aus Rollstuhlfahrern und Fußgängern.
  • Handbike-Gruppe: Hier treffen sich die Handbiker an verschiedenen Orten und drehen ihre Touren. Wer ein Handbike besitzt, kann mitmachen.
  • Wintersportgruppe: Der Verein agiert in Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald und bietet Ski-Nordisch und Ski-Alpin an.

Fußgänger bzw. Nicht-Behinderte sind bei unseren Sportangeboten immer willkommen. Wir suchen aktuell Übungsleiter im neurologischen Bereich sowie Helfer/Mitspieler, Gruppenleiter und Schiedsrichter für den Ligabetrieb. Also ein breites Spektrum um sich als Nicht-Behinderter aktiv einzubringen. Weitere Informationen können unter www.ring-freiburg.de eingesehen werden.

Frage: Vom Breiten- bis zum Leistungssport ist bei Euch alles vertreten. Mit welchen Sportarten seid Ihr höherklassig aktiv und welche dienen eher als Freizeit-Breitensportangebot?

Antwort: Die "Freiburg Dragons" (Rollstuhlrugby) spielen in der 1. Bundesliga, in der 2. Bundesliga Süd sowie in der Regionalliga. Die "Breisgau Baskets" (Rollstuhlbasketball) spielen in der Regionalliga. Bei beiden Gruppen ist das Training auch für den Breitensport zugänglich. Ein paar unserer Wintersportler/innen waren letztes Jahr bei den Paralympics. Die anderen Gruppen sind Freizeit- und Breitensportangebote. Es wäre schön, einen Trainer oder eine Trainerin zu finden, die eine Rollstuhlbreitensportgruppe mit „Mobi-Training“ (Mobilitäts-Training) für Rollstuhlfahrer leiten möchte.

Frage: Du bist selbst aktiver Rollstuhlrugby-Spieler. Was macht der Sport für Dich aus? Was bedeutet er für Dich?

Antwort: Sport ist nicht nur Sport, gerade im Rollstuhlrugby. Es ist mehr wie nur ein Teamsport. Es ist der Zusammenhalt, Austausch, Rückhalt und vor allem die sozialen Kontakte, die ich sehr schätze. Die Selbstständigkeit, Erhalt und Verbesserung der vorhandenen Funktionen und die Koordination werden darüber hinaus gestärkt.

Frage: Durch die Corona-Pandemie musste der Sport über mehrere Wochen ruhen. Mit welchen Herausforderungen hattet Ihr zu kämpfen und wie erlebst Du derzeit die Stimmung innerhalb Deiner Mannschaft?

Antwort: Anfangs der Pandemie war es ok, mal kein Training zu haben und die Zeit für etwas Anderes zu nutzen. Nach mehreren Wochen, in denen wir nicht trainieren durften, fehlte der Sport mit all seinen Facetten. Für ein Teil der Teammitglieder ist das Training und/oder auch die Spieltage das Highlight der Woche, um aus den eigenen vier Wänden herauszukommen.  Mittlerweile haben wir den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen, nachdem die Corona-Verordnung für den Teamsport gelockert wurde. Die Stimmung im Team ist trotz Corona wie zuvor gut. Wir achten aufeinander und gehen alle verantwortungsvoll mit dem Thema Corona und dem Hygienekonzept um.

Frage: Wie wird es in den kommenden Wochen und Monaten weitergehen? Welche (sportlichen) Ziele verfolgt Ihr?

Antwort: Es wird wieder freie Turniere geben, wie die „Knielinger Rauferei“ oder das weltgrößte Rugbyturnier „Bernd-Best-Turnier“ in Köln. Der Ligabetrieb wird irgendwann auch wieder stattfinden. Vermutlich alles mit Einschränkungen, aber bis dahin trainieren und üben wir verschiedene Taktiken und machen das Beste daraus.

Interview mit dem "FV Muggensturm e.V."

Interview mit Rolf Jägel, Trainer der "unzähmbaren Löwen", inklusive Fußballmannschaft

Euer Verein, der FV Muggensturm, hat mit den „unzähmbaren Löwen“ seit rund 13 Jahren eine inklusive Fußballmannschaft mit Spielern mit geistiger Behinderung. Die Mannschaft setzt sich aus Spielern im Alter von 12 bis 55 Jahren zusammen.  Wie oft trainiert Ihr normalerweise in der Woche?

Antwort:  Fußballtraining findet einmal wöchentlich für 90 Minuten statt. Zusätzlich treffen wir uns einmal wöchentlich von März bis Oktober zum Lauftraining (walken und joggen) über moderate Strecken von ca. 5 km. Hier machen allerdings nur 6 Jungs mit. (Es ist halt kein Ball dabei)

Sportvereine mussten nun längere Zeit pausieren und Mannschaften oder Trainingsgruppen auf den gemeinsamen Sport verzichten.  Wie hat sich die „Corona-bedingte“ Trainingspause auf die Spieler und die Mannschaft ausgewirkt? Habt ihr Möglichkeiten gefunden, dennoch in Kontakt zu bleiben?

Antwort: Wir sind übergangslos von der Corona-, in die Sommerpause gegangen. Zum einen, weil es derzeit einfach zu heiß ist für Fußball, zum anderen um noch etwas Zeit zu gewinnen bis die gesamte Lage stabiler geworden ist. Die Pause, besonders am Anfang, war für alle recht schwierig. Es fehlte halt der wöchentliche Fußball.  Einige durften über Wochen nicht das Wohnheim verlassen. Kontakt konnte durch WhatsApp und Telefonate gehalten werden, dadurch entstand ein Austausch von Nachrichten und Informationen zum Thema Fußball und Privates. Besuche im Wohnheim oder Treffen mit den Jungs waren nach Absprache möglich und wurde von allen hoch erfreut aufgenommen. Ab Mitte Mai durfte jeder der mitmachen wollte, einen kleinen Videoclip aufnehmen lassen, der ihn beim Jonglieren mit Ball oder einer Klopapierrolle zeigte. Die Clips wurden dann zu einem kleinen Video zusammengesetzt und via WhatsApp an alle verteilt. Ab Mitte Juni starteten wir wieder mit unserem Lauftreff. Dieser ist einfacher zu organisieren und die Abstandsregeln stellen kein Problem dar.

Ab 01. Juli dürfen in Baden-Württemberg wieder Trainingseinheiten mit bis zu 20 Personen stattfinden. Trainiert Ihr seither wieder oder wann ist die Wiederaufnahme des Trainings geplant?

Antwort: Kontaktsport ab dem 01.07. ist zwar wieder möglich, allerdings ist es für uns sehr schwierig die weiter geltenden Hygieneverordnungen vor und nach dem Training einzuhalten. Zum Beispiel muss immer noch auf den Abstand zueinander geachtet werden. Besonders beim Umkleiden und Duschen ist es fast unmöglich diese Regeln einzuhalten. Daher haben wir uns entschlossen, zunächst noch den Juli abzuwarten. Trainingsbeginn ist für Mitte August geplant.     

Gab es Herausforderungen oder Hürden, die die Wiederaufnahme des Trainings (unabhängig von der Corona-Sportstättenverordnung) beeinflusst haben?

Antwort: Da bei unseren Fußballern einige Risikopatienten dabei sind, war bzw. ist auch heute Vorsicht gegeben, sodass wir lieber noch etwas mit dem Trainingsbeginn warten.  

Die Corona-Sportstätten-Verordnung gibt bestimmte Regelungen zum Vereins- und Mannschafts-sport vor. Inwieweit beeinflusst das Eure Trainingseinheiten oder Euch als Mannschaft?

Antwort: Würden wir trainieren, wäre die größte Herausforderung das Organisieren des Umkleide- und Duschbetriebes sowie die Einhaltung der Abstandsregelungen. Einige sind es gewohnt sich vorher in der Kabine gemeinschaftlich umzuziehen und nach dem Training duschen zu gehen. Ferner war es während der „Haupt-Corona-Zeit“ nicht möglich Fahrgemeinschaften zu bilden, um die Jungs abzuholen und wieder nach Hause zu bringen.

Wie ist die Stimmung aktuell und was zeichnet Eure inklusive Fußballmannschaft aus?

Antwort: Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist gut, derzeit sind einige mit ihren Wohnheimen auf Kurzurlaub. Da seit Mitte Juni die Werkstätten und Schulen wieder geöffnet haben, können sich alle wiedersehen und austauschen.

Was macht den Sport mit Menschen mit geistiger Behinderung so besonders?

Antwort: Trotz teilweise eingeschränkter Möglichkeiten, ist es bewundernswert, wie unsere Kicker ihren Fußball leben und spielen, eigentlich immer da sind, Niederlagen nicht ganz so eng sehen und immer unvoreingenommen für alles Neue sind. Vor allem die Freude und Herzlichkeit, die jeder ausstrahlt, weil er in die Welt des Fußballes eintauchen darf, macht den Sport mit Menschen mit geistiger Behinderung so besonders!